Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Klimawandel und dem Coronavirus?

Am 31. Dezember 2019 wurde die chinesische Niederlassung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von örtlichen Behörden über das gehäufte Auftreten schwerer Lungenentzündungen mit unbekannter Ursache in der Stadt Wuhan informiert. Als Auslöser der Erkrankungen geriet am 7. Januar 2020 ein bis dahin unbekannter Vertreter der ansonsten seit den 1960-er Jahren bekannten Coronaviren in den Fokus. Diese Aussage wurde kurz darauf von der WHO bestätigt. Wegen seiner Ähnlichkeit zu dem im Jahr 2003 entdeckten SARS (ebenfalls ein Coronavirus) wurde das neue Virus SARS-CoV-2 benannt und die Erkrankung, die es auslöst, bekam den Namen COVID-19. Den Rest der Geschichte kennen Sie, nein, kennen wir alle zur Genüge …

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In den 2000-er Jahren zeigten die Coronaviren bei den Ausbrüchen von SARS und MERS schon ihr Gefährungspotential als Auslöser von Krankheitserregern beim Menschen. Daraufhin wurde vermehrt in die Forschung zum Vorkommen von Coronaviren in Wildtieren investiert. Relativ schnell fanden die Forscher heraus, dass Fledermäuse weltweit ein wichtiges Reservoir für Coronaviren bilden. Mehr noch: Coronaviren kommen bei ihnen sogar in großer Diversität vor. Auch von SARS und MERS wrd angenommen, dass sie ursprünglich von Fledermäusen stammen. Das Genom von SARS-CoV-2 konnte sogar zu 96 % auf Hufeisennasenfledermäuse zurück geführt werden, die in der südchinesischen Provinz Yunnan heimisch sind.

Einer neuen Studie von Wissenschaftlern der Universität Cambridge, des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) und der Universität Hawai’i-Manoa zufolge haben Veränderungen des Klimas in dieser Region das Wachstum von Waldgebieten angekurbelt, die für Fledermäuse geeigneten Lebensraum bieten. Ursache für diese Ausbreitung von Wäldern in Südchina sind laut der Studie die globalen Treibhausgasemissionen des letzten Jahrhunderts. Nicht nur in Yunnan, auch in den benachbarten Regionen der Länder Laos und Myanmar hat sich die Vegetation binnen eines Jahrhunderts dramatisch gewandelt – weg von tropischem Buschland, hin zu tropischer Savanne und Laubwald. Auch wenn noch nicht abschließend geklärt ist, ob SARS-CoV-2 tatsächlich von Fledermäusen auf den Menschen übergesprungen sind, so liefert die Studie sehr wohl einen Mechanismus, der dem Klimawandel eine direkte Rolle bei der Entstehung von SARS-CoV-2 zuweisen könnte. Stimmt die These, so ist der Klimawandel sogar hauptverantwortlich dafür, dass der wahrscheinliche Ursprungsort der Pandemie in Südchina zu diesem Hotspot für Coronaviren werden konnte.

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Ändert sch das Klima, so ändern sich auch Lebensräume. Tiere breiten sich in neue Gebiete aus und haben dabei stets ihre Viren im Schlepptau. Dadurch ändern sich nicht nur die Orte, an denen solche Viren vorkommen können – was für Apotheken wichtig ist bei der reisemedizinischen Beratung – sondern auch die Interaktionsmöglichkeiten der migrierten Tiere mit Arten, die am neuen Ort bereits ansässig sind. So können Viren sich weiterentwickeln und mutieren. Außerdem ist es nicht unwahrscheinlich, dass heimische Arten den Menschen mitunter auch als Nahrung dienen. All dies begünstigt die Wahrscheinlichkeit einer Zoonose. Auch beim Coronavirus geht man davon aus, dass dieses über einen Zwischenwirt, vermutlich einem Schuppentier, in Wuhan auf einem Wildtiermarkt gelandet ist, von wo aus es dann seinen weltweiten Feldzug angetreten hat.

„Wir wissen, dass der Klimawandel die Übertragung von Viren in Wildtieren auf den Menschen beschleunigt. Das sollte uns dringend dazu veranlassen, Maßnahmen zur Reduktion von Emissionen zu verbessern“

Camilo Mora, Professor an der Universität Hawai’i-Manoa und Initiator der Studie

Der Klimawandel ist ein globales Phänomen. Jeder einzelne von uns steht also in der Verantwortung, im Rahmen des Möglichen zu handeln. Auch Apotheken können hierbei ein Zeichen setzen – vor allem als Vorreiter für den Klimaschutz in ihrem lokalen Umfeld. Wer, wenn nicht die Apotheke vor Ort, könnte bei Kunden und Geschäftspartnern gleichermaßen das Bewusstsein für Gesundheit schärfen? Dazu gehört natürlich auch nachhaltiges Handeln. Dass Apotheken den Klimaschutz ganz oben auf ihre Agenda setzen sollten, hat zwei Gründe: einen unmittelbaren, kurzfristigen – und einen mittelbaren, langfristigen.

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Unmittelbar zeichnete sich die Pandemie für Apotheken bislang dadurch aus, dass andere Krankheiten wie Erkältungen, Magen-Darm-Erkrankungen bis hin zu sexuell übertragbaren Infektionen stark zurück gingen. Und mit ihnen natürlich auch kurzfristig die Erlöse, die durch den Verkauf von Arzneimitteln für diese Krankheiten zu erzielen gewesen wäre. Die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie waren daran sicher nicht ganz unschuldig, aber auch die zurückgegangene Luftverschmutzung durch den starken Einbruch des Luftreiseverkehrs oder die Angst vor dem Arztbesuch haben sich im Ergebnis bemerkbar gemacht.

Langfristig jedoch wissen wir alle, dass Pandemien keine singulären, sondern wiederkehrende Ereignisse sind. Die Spanische Grippe nach dem Ersten Weltkrieg wird derzeit gerne als Vergleich bemüht – auch wenn Corona- und Influenzaviren deutliche Unterschiede aufweisen. Aber wir brauchen doch nur an Krankheiten wie Ebola denken, das gerade erst wieder in Guinea ausgebrochen ist. Was, wenn eine solche Krankheit ihren Weg bis zu uns fände, weil das Klima bei uns einen Ebola-Ausbruch immer mehr begünstigt? Oder, wie es der Evolutionsbiologe Jared Diamond und der Virologe Nathan Wolfe von der Universty of California in Los Angeles prognostizieren:

„Das Virus, das nach Covid-19 kommt, könnte uns noch viel schlimmer treffen. Die Vernetzung der Weltbevölkerung nimmt zu. Es gibt keinen biologischen Grund, warum zukünftige Epidemien nicht mehrere Hundert Millionen Menschen töten und den Planeten in eine jahrzehntelange Depression stürzen könnten, wie sie die Geschichte nie gekannt hat“

Quelle: Süddeutsche Zeitung online (Paywall)

Für die Apotheken vor Ort wäre das dann eine Art permanenter Notdienst. Ein wahrer Klimanotdienst