Verschlafen wir die Digitalisierung? – Teil 2

Erwartung, Ängste, Visionen – eine Einleitung

Erstmals  veröffentlicht in der Deutschen Apotheker Zeitung (DAZ) Nr.1/ 2018 vom 04.01.2018, S. 26ff.

 

[Fortsetzung des letzten Beitrags]

Wie ist es nun also um die weiteren Transformationsmuster (technologische Innovation zu Vorteil zu Kundennutzen) bei den Autos bestellt? Was sollte jemanden dazu bewegen, ein selbstfahrendes Auto zu benutzen? Dieses evtl. noch nicht mal zu besitzen, sondern es nur für die benötigte Strecke von A nach B zu verwenden; es ansonsten aber grundsätzlich mit anderen, ihm wahrscheinlich nicht mal bekannten, Menschen zu teilen?

Die Antwort ist denkbar einfach. Heutzutage bestimmen Enge, Parkplatznot, Staus und Stress den Straßenverkehr in unseren Innenstädten. Denken Sie beispielsweise an eine Stadt wie Berlin an mit seinen typischen Straßenzügen und beidseitig geparkten Autos; oder die typischen deutschen Innenstädte, deren wertvolle Flächen mit Parkplätzen oder Parkhäusern belegt sind. Denken Sie auch an die demografische Entwicklung, die zunehmende Zahl an alten Menschen, die Kranken, die in der heutigen Verkehrswelt kaum eingebunden oder auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen sind. Der konkrete Bedarf liegt auf der Hand.

Autonome Fahrzeuge holen die Menschen direkt an der Haustür ab und parken sich selbständig außerhalb der Zentren, wenn sie nicht benötigt werden. Da wir uns diese Autos mit anderen teilen werden, wird dies deutlich seltener der Fall sein, als bei unseren heutigen Autos, die uns gehören – aber über 90% ihrer Zeit nicht in Betrieb sind und somit völlig ineffizient herumstehen. Darüber hinaus könnten Jahr für Jahr alleine in Deutschland 3.000 Menschenleben gerettet werden – bei rund 3.300 Verkehrstoten pro Jahr, davon 91% durch sog. „menschliches Versagen“, eine erstrebenswerte Zahl. Auch der Zeitgewinn wäre unbezahlbar: Münchener Verkehrsteilnehmer stehen im Durchschnitt 74 Stunden pro Jahr im Stau. Das ergibt, hochgerechnet auf 50 Jahre, ein halbes Jahr Lebenszeit, die man geschenkt bekommt, wenn es weniger Autos gibt.

Die Gesellschaft ist der größte Treiber

Nutzen und Vorteile existieren also tatsächlich, aber sicher wird es noch eine gewisse Zeit dauern, bis sich dies als „Wissen“ festigt – ähnlich wie es fast 15 Jahre gedauert hat, bis sich „digitale Musik“ durchgesetzt hat. Weitere Parallele: so wie die Musikindustrie auf keinen Fall weniger Tonträger verkaufen wollte, hat die Automobilindustrie an „weniger Autos“ sicher kein Interesse. Aber am Ende entscheidet genau darüber stets einzig und allein der Kunde – und die Unternehmen sind gut beraten, schon heute nach neuen Einnahmequellen zu schauen. Audi, BMW und Daimler beispielsweise tun dies sogar gemeinsam – ihnen gehört seit Dezember 2015 das Unternehmen „Here Global B.V.“, ein weltweit führendes Unternehmen für Geodaten und Navigationsdienste.

Wir haben es am Beispiel der ausgestorbenen Automarken gesehen: die Selektionsprozesse im Bereich der technologischen Entwicklung sind mit denen der Evolutionsbiologie vergleichbar. Nur wer sich an veränderte Umweltbedingungen optimal anpasst, wird langfristig Bestand haben.

Größter Treiber der Digitalisierung sind folglich auch nicht die Giganten aus dem Silicon Valley oder die zahllosen Start-Ups weltweit. Der größte Treiber ist die Gesellschaft selbst, denn nichts ändert sich momentan dramatischer und schneller als sie. Wir werden immer älter, unsere Lebenserwartung ist höher als jemals zuvor. Wir bewegen uns in einer Welt, in der Grenzen verschwinden, in der jede Dienstleistung und jedes Produkt auf Knopfdruck verfügbar zu sein scheint und in der Menschen über die unterschiedlichsten Kanäle offenbar rund um die Uhr mit- und übereinander kommunizieren.

Das hat unweigerlich zur Folge, dass sich grundlegende Wertvorstellungen ändern. Folgende Tendenzen lassen sich ganz grob beobachten:

  • Abnehmende Loyalität: Egal ob gegenüber dem Arbeitgeber oder dem Dienstleister, die Wechselbereitschaft steigt. Den Beruf, den man vom Studium bis zur Rente ausübt, gibt es immer seltener. Das hängt direkt mit der steigenden Lebenserwartung zusammen. Bei zunehmendem zeitlichen Horizont bekommt der Aspekt der Abwechslung immer mehr Gewicht zu Lasten der Sicherheit.
  • Vielfalt und Multitasking: das Internet bietet für jeden Lebensbereich zahllose Vergleichsmöglichkeiten. Warum sollte man sich also auf eine Arztmeinung, ein Mobiltelefon oder gar nur einen Job beschränken? Dass dadurch oftmals Verwirrung und Ratlosigkeit entsteht, ist ein Kollateraleffekt. Apotheker können hier mit Empathie, Beratungskompetenz und persönlicher Nähe übrigens hervorragend punkten.
  • Verzicht: Besitz bindet Ressourcen (Zeit oder Geld), er muss gepflegt oder zumindest verwaltet werden. Erleben ist das neue Besitzen. Begründet durch und gepaart mit der abnehmenden Loyalität (s.o.) ergeben sich dadurch neue Schwankungen in vielen Lebensbereichen.

Die eben geschilderten Tendenzen sind sicherlich bei jungen Menschen ausgeprägter als bei denjenigen, die nur noch wenige Jahre bis zum Ruhestand haben. Aber gerade die jungen Menschen kennen die digitale Welt von Geburt an. Dafür wissen sie aber nicht mehr, was eine Musikkassette ist, wären mit dem Anbringen einer Briefmarkte auf einem Brief überfordert und denken bei Auto als erstes an Tesla. Und heute mögen sie noch unsere Kinder, Studenten und Azubis sein. Morgen sind sie Regierungsmitglieder, Vorstände und Ausbilder. Sie werden die Normen und Regeln der Gesellschaft – ihrer Gesellschaft – im Lichte dessen überarbeiten und neu definieren, was sie als normal empfinden. Ich schließe mich dem Entertainer Frank Astor an, der behauptet: „Die Digitalisierung ist eine Lawine und hat das Tal noch nicht erreicht.“

Politik und Unternehmen sind gut beraten, sich intensiv damit auseinander zu setzen. Dagegen zu wirken hat den gleichen Effekt wie bei einer Lawine: man wird darunter begraben. Das heißt nicht, dass man jeden Trend widerspruchslos mitmachen sollte. Im Gegenteil: Es gilt genau zu prüfen, welche Werkzeuge genutzt werden können, um das eigene Unternehmen, wie die eigene Apotheke, effizienter zu betreiben. Denn bei aller Digitalisierung wird auch weiterhin der Tag nur 24 Stunden haben. Wie viele Sie davon mit Ihren Kunden und den Patienten verbringen und wie viele davon mit anderen Tätigkeiten, die man grundsätzlich digitalisieren könnte, das wird der entscheidende Faktor über Ihren zukünftigen Erfolg werden.

Zum Abschluss möchte ich diese Gedanken anhand eines Projekts vertiefen, das wir bei NOVENTI im Herbst 2016 durchgeführt haben. Die Aufgabenstellung lautete – ohne ins Detail zu gehen – neue digitale Geschäftsmodelle zu erarbeiten. Als apothekereigenes Unternehmen steht bei uns dabei natürlich immer die Stärkung der inhabergeführten Apotheke an erster Stelle.

Schnell fanden wir Konsens im Projektteam, dass neue digitale Geschäftsmodelle nur dann eine Chance haben, wenn sie konsequent auf den Endkunden ausgerichtet sind. Das bekannte Transformationsmuster (technologische Innovation zu Vorteil zu Kundennutzen) greift natürlich auch hier.

Also fragten wir uns, ob die Endkunden der Apotheke denn überhaupt empfänglich wären für digitale Produkte oder Dienstleistungen. Hierzu recherchierten wir Statistiken aus diversen Quellen (v.a. Statista, Bitkom und Arzneimittelreports der Krankenkassen). Das Ergebnis: Kombiniert man die Anzahl der Menschen, die ihr Smartphone aktiv nutzen mit der Zahl der chronisch Kranken – hier haben wir, um ganz sicher zu sein, nur die Patienten mit gleichzeitiger Einnahme von 5 Medikamenten oder mehr angezeigt – so kommt man auf einen Gesamtmarkt von über 9 Millionen Patienten. Diesen Menschen könnte man zum Beispiel mit einer Anwendung, die sich nur um den Medikationsplan dreht, enormen Nutzen bieten. Welcher Chroniker wäre nicht dankbar für zuverlässige Einnahmeerinnerungen oder den Hinweis auf fällig werdende Folgerezepte? Jede Apothekerin und jeder Apotheker könnte eine solche Anwendung als „seine“ anbieten und dadurch die digital affinen Kunden noch enger an sich binden. Durch den Standard des bundeseinheitlichen Medikationsplans könnten zusätzlich noch Ärzte und sonstige Leistungserbringer, deren EDV diesen Standard umgesetzt hat, in den Kommunikationsfluss eingebunden werden. Und die Anzahl der Kunden, die diesen Service nutzen, wird steigen.

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Grafik: (C) Deutsche Apotheker Zeitung, basierend auf einer Grundlage von NOVENTI

 

Fazit

Digitalisierung kann, so mein persönliches Fazit, vor allem eins: Menschen zusammen bringen und die Kommunikation erleichtern. Heilberufe ersetzen wird sie auf absehbare Zeit aber nicht.

Unersetzlich sind und werden wir Menschen – und vor allem Sie als Apotheker – nämlich an einer ganz neuralgischen Stelle bleiben: Im Dialog mit anderen Menschen. Unser Einfühlungsvermögen, unsere Nähe und unser Verständnis werden künstliche Intelligenz und Roboter weder aufbringen noch ersetzen können.

Lassen Sie uns also versuchen, die Chancen der Digitalisierung zu erkennen, zu begreifen und in Geschäftsmodelle umzuwandeln. Gleichzeitig sollten wir natürlich auch die Risiken im Auge behalten, damit uns am Ende die Lawine keinen Schaden zufügt, aber genügend Schnee zum Bauen eines schützendes Iglus übrig bleibt.

Igloo isolated in snowfield with snowy mountain, Arctic landscape scene

Eine Lawine hat genügend Schnee zum Bauen eines schützenden Iglus; Bild: Gee – stock.adobe.com

Beitragstitelbild: JcJgPhotography – stock.adobe.com