Blockchain im Gesundheitswesen – Anwendungsfälle

Dieser Beitrag ist Teil 2 eines Artikels über Blockchain, der zuerst in der Deutschen Apotheker Zeitung, DAZ 2019, Nr. 25, S. 48ff. unter dem Titel „Was ist eine Blockchain?“ erschienen ist.

Anwendungsbeispiel BtM-Rezepte

Auf dem ersten Platz bei dem im vorigen Beitrag erwähnten Ideenwettbewerb des BMG landete ein Projekt aus dem Betäubungsmittelbereich, wie man auf DAZ.online lesen konnte. Die Gewinner haben ein auf Blockchain basiertes Verfahren für die Abwicklung von BtM-Rezepten entworfen. Ausschlaggebend für den Sieg sei laut dem Ministerium die besondere Anfälligkeit von BtM-Rezepten für Manipulation, Missbrauch und Diebstahl gewesen. Hiergegen könne Blockchain effizient schützen.

In der Praxis soll das BtM-Rezept dabei in einer privaten Blockchain durch Arztpraxen, Apotheken und Aufsichtsbehörden gemeinsam digital verwaltet werden. Wenn seitens des Arztes oder des Patienten ein neues BtM-Rezept ausgestellt bzw. angefordert wird, erstellt die dazu gehörige Software einen neuen Block für die Chain. Dieser wird dann digital von allen am Prozess Beteiligten bestätigt, wodurch die eigentliche Transaktion (Ausstellung des Rezepts) ausgelöst wird. Zusätzlich werden die Genehmigungen der Beteiligten samt aller dazu gehörigen Transaktionen unveränderlich im Block gespeichert. Durchaus nachvollziehbar also, dass das zur Erhöhung der Betäubungsmittelsicherheit und zur Reduktion des Verwaltungsaufwands beitragen kann.

Wie man sich den Aufbau einer Blockchain im BtM-Bereich vorstellen kann, zeigt die nachfolgende Grafik.blockchain_schema

Anwendungsbeispiel klinische Studien

Auf einen weiteren, sehr interessanten Anwendungsfall für Blockchain im Gesundheitswesen bin ich beim Stöbern nach Themen für diesen Blog gestoßen. Auf der Suche nach Themen schaue ich nämlich gerne und regelmäßig auf der Seite von IBM Watson Health nach interessanten Themen. Meistens werden dort neue Forschungsergebnisse zum Thema Künstliche Intelligenz auf leicht verständliche Weise vorgestellt. Dieses Mal bin ich dabei auf eine Veröffentlichung gestoßen, in der die kanadischen Tochterunternehmen von IBM und Boehringer Ingelheim verkünden, gemeinsam die Blockchain-Technologie für klinische Studien einzusetzen.

medic-563423_1920

IBM und Boehringer testen Blockchain für klinische Studien

Mit zu den größten Herausforderungen bei klinischen Studien gehören laut den Verfassern:

IBM und Boehringer bewegt dabei die folgende Fragestellung: können diese Herausforderungen mit Blockchain besser bewältigt werden?

Tatsächlich ist Blockchain durchaus eine bestens geeignete Grundlage, um das Vertrauen und die Transparenz zwischen den Beteiligten im Verlauf einer klinischen Studie zu erhöhen. Greifen wir konkret das Vorliegen der Patienteneinwilligung auf, das allen Beteiligten, die sich u.U. an verschiedenen Orten befinden können, jederzeit vorliegen sollte. Mit Blockchain lässt sich nicht nur die Einwilligung, sondern lassen sich alle für die Studie relevanten Informationen schnell, sicher und dezentral handhaben. Sobald eine Blockchain von allen Beteiligten bestätigt wurde, haben alle berechtigten Interessengruppen Zugriff darauf – einschließlich der Patienten selbst.

block-chain-2853002_1920

Informationen in der Blockchain liegen allen Beteiligten schnell, sicher und dezentral vor.

Richtig eingesetzt, können also durch diese Technologie Verwaltungsfehler reduziert und sowohl das Vertrauen als auch die Transparenz gegenüber den Teilnehmern an klinischen Studien erhöht werden. Sie birgt enormes Potential für den effizienten Austausch von Patienten- bzw. Gesundheitsinformationen.

IBM und Boehringer Ingelheim jedenfalls bezeichnen Blockchain bereits als ein neues Betriebssystem für Vertrauen („a new operating system for trust„). Aber wie wäre es denn, wenn man Blockchain nicht nur auf vergleichsweise eng umrissene Anwendungsgebiete wie BtM-Rezepte oder das Anwerben von Patienten für klinische Studien beschränken würde, sondern einen umfassenderen Ansatz betrachtete?

Anwendungsbeispiel Patientenakte

Unter einer elektronischen Patientenakte versteht man eine Datenbank, in der die Anamnese, Behandlungsdaten, Medikamente, Allergien und weitere Gesundheitsdaten von Patienten sektoren- und fallübergreifend sowie für das jeweilige Gesundheitssystem einheitlich gespeichert werden.

collector-3930337_1920

Akten – nicht digital …

Diese Datenbank gibt es in Deutschland noch nicht. Gesundheits- oder Patientenakten sind heute nicht miteinander verbunden. Häufig existieren diese sogar ausschließlich auf Papier in der jeweiligen Arztpraxis oder dem Krankenhaus. Über die gemeinsame technologische Architektur und die einzuhaltenden Standards wird seit vielen Jahren diskutiert und verhandelt. Erst mit dem E-Health-Gesetz aus dem Jahr 2015 wurden erste verbindliche Rahmenbedingungen geschaffen. Diese sind aber weit davon entfernt, flächendeckend umgesetzt zu sein, obwohl sogar Anreize wie – als Beispiel – die Vergütung von elektronischen Arztbriefen im Gesetz stehen.

Für das generelle Vorhalten von Patientendaten könnte Blockchain eine technologisch geeignete Basis sein. Durch viele Medienbrüche und hohe (berechtigte!) Datenschutzanforderungen gibt es zur Zeit sehr viele Restriktionen für die an einem Austausch von Patientendaten beteiligten Leistungserbringer – und Kostenträger. Die Überwindung dieser Restriktionen ist häufig mit hohem Aufwand verbunden. Werden Patientendaten gar nicht unter den Leistungserbringern ausgetauscht, liegt darin ein hohes Risiko für den Patienten im Hinblick auf Behandlungs- oder Medikationsfehler. Blockchain könnte alle Informationen über den Patienten sämtlichen Leistungserbringern jederzeit in identischer Qualität vorhalten, wodurch die eben beschriebenen Nachteile des aktuellen Status Quo reduziert oder gar beseitigt werden könnten.

Werfen wir erneut den Blick nach Nordamerika: im Dezember 2018 haben mehrere große US-Firmen aus der Gesundheitsbranche eine strategische Allianz verkündet, die den Test von Blockchain zur Verbesserung der Datenqualität ihrer Versicherten und zur Reduktion der Kosten zum Ziel hat. Man sollte auch in Deutschland ein Auge auf die Ergebnisse dieser Projekte haben, wenn man das E-Health-Gesetz zum Nutzen der Patienten weiter entwickeln möchte.