Wer ist eigentlich für die Digitalisierung verantwortlich?

In Diskussionsforen auf apotheke-adhoc oder in Apothekengruppen auf Facebook zum Thema Digitalisierung werden die Kommentare schnell kontrovers und teilweise auch hitzig, besonders wenn es um die ABDA geht. Bei manchen Kommentatoren hat man das Gefühl, als erwarten sie, vom Dachverband der Apothekerverbände an der Hand und in die digitale Zukunft geführt zu werden. Aber ist die ABDA überhaupt für die Digitalisierung zuständig? Ein Blick in die Satzung, dort § 1 Absatz 1 Sätze 1 und 2, klärt auf:

Die Bundesvereinigung bezweckt die Wahrnehmung und Förderung der gemeinsamen Interessen der in ihr zusammengeschlossenen Apothekerkammern und Apothekervereine/ -verbände in der Bundesrepublik Deutschland, soweit sie auf der Basis von Kammerbezirken organi siert sind. Aus jedem Kammerbezirk kann neben der dortigen Apothekerkammer nur ein Apothekerverein/ -verband Mitglied der Bundesvereinigung sein.

Die Wahrnehmung und Förderung der gemeinsamen Interessen von Kammern und Verbänden ist also der Vereinszweck (die ABDA ist ein eingetragener Verein, oder e.V.). Zwar kann man zu diesen Interessen inzwischen sicher auch die Digitalisierung rechnen. Aber laut Satzung soll die ABDA eben Interessen wahrnehmen und fördern – und nicht den digitalen Wandel (mit)gestalten und umsetzen.

Werfen wir daher als nächstes einen Blick auf die GAFAs, also Google, Amazon, Facebook und Apple. Diese stehen als Synonym für die wirklich großen Digitalunternehmen, wahre Pioniere und Gestalter der Digitalisierung. Ihre Ausgangslage ist eine völlig andere, als sie ein Dachverband der Landesapothekervereinigungen jemals haben kann. Denn die GAFAs dieser Welt bewahren keine bestehenden Interessen oder fördern diese. Ganz im Gegenteil: sie gehen disruptiv in bestehende Märkte hinein, entern diese und gestalten dabei die Spielregeln völlig neu.

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Wahrscheinlich auf nahezu jedem Handy vertreten: die GAFAs

Dabei kommen die Umwälzungen stets mit einem Preis, den diejenigen bezahlen, die bereits im jeweiligen Markt tätig sind: in Städten, in denen über Airbnb Zimmer vermietet werden, steigen die Mieten für den ganzen Stadtteil. Wo Uber Hobbyfahrern einen Nebenverdienst ermöglicht, werden einst sichere Jobs für Taxifahrer vernichtet. Und selbst Google hat, mit optimierten Suchergebnissen und genau auf die Interessen des jeweiligen Benutzers zugeschnittenen Werbeangeboten, ehemalige Marktführer im Bereich der Suchmaschinen wie AltaVista oder Yahoo! komplett vom Markt gedrängt.

Ein erstes Zwischenfazit ist also, dass sich bisher überwiegend Unternehmen im Bereich der Digitalisierung behauptet haben, die kein bestehendes Geschäft bewahren mussten. Sie konnten etablierte Player angreifen, da sie sich um Regeln oder Konventionen, die für bestehendes Business galten, nicht kümmern mussten.

Bedeutet das also, dass harte Zeiten für die Warenwirtschaftsanbieter und Rezeptabrechner im deutschen Apothekenmarkt bevorstehen? Denn auch diese haben ein bestehendes Geschäft, das es zu bewahren gilt und welches sie nicht ohne Risiken einfach selbst angreifen können. Andererseits beschäftigen sich all diese Unternehmen, soweit ich weiß, intensiv mit der Digitalisierung. Sie haben kompetente Teams mit Spezialisten aus allen Bereichen an das Thema gesetzt, was ebenfalls erfolgsbegünstigend wirkt. Und Technologie haben sie ohnehin in ihrer DNA.

Warum also sollte es ihnen nicht ergehen, wie NETFLIX? Dieses Unternehmen hat sich seit seiner Gründung im Jahre 1997 mehrfach neu erfunden. Nach der Gründung war NETFLIX eine reine Online-Videothek: man konnte auf deren Homepage Videos, später auch DVDs und Blu-Rays ausleihen, per Versand zugestellt bekommen und nach einer Woche wieder zurück senden. 10 Jahre später, als das Geschäftsmodell der Videotheken sich schon im Niedergang befand, wandelte sich NETFLIX zum Streaming-Dienstleister um. Videos wurden jetzt nicht mehr physisch auf einem Datenträger versandt, sondern digital über das Internet abgespielt. Die hierfür notwendige Bandbreite war inzwischen meist überall erreicht. Eine weitere Transformation des Geschäftsmodells fand in den letzten Jahren statt. Um nicht von der Qualität und Verügbarkeit von fremdproduzierten Film- und Serienproduktionen abhängig zu sein, fing NETFLIX an, selbst Filme und Serien zu produzieren – und ist mittlerweile einer der größten Filmproduzenten weltweit. Vom Videoversand zum Filmproduzenten – was für ein Wandel!

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Netflix hat es sogar geschafft, eine eigene Taste auf vielen Fernbedienungen zu bekommen!

Um einen solchen aber gestalten zu können, braucht es jedoch mehr als lediglich neue Technologien wie Künstliche Intelligenz und Wearables, die untereinander kommunizieren. Eine völlig neue Kultur, die – wie bei NETFLIX – Veränderung als Chance begreift, ist hierfür Grundvoraussetzung. Seit 2000 Jahren gab es zwar viele kleine Veränderungen bei den Heilberufen – aber das grundlegende Schema blieb immer gleich: Ärzte (stellvertretend für die Heilberufe insgesamt) wissen alles. Patienten suchen sie auf, wenn sie Hilfe benötigen. Die Ärzte sagen ihnen dann, was zu tun ist, und die Patienten gehen wieder nach Hause. Manchmal halten sich die Patienten an das, was ihnen gesagt wurde und manchmal nicht. Normalerweise hält sich ungefähr die Hälfte an die Ratschläge ihres Arztes. Halten wir das wirklich für eine gute Erfolgsquote? Vor allem wenn man bedenkt, dass ja Ärzte nie alleine auf den Patienten einwirken, sondern oft auch noch von Apothekern, Ernährungsberatern, Physiotherapeuten oder weiteren Heilberuflern unterstützt werden …

Bis jetzt lagen nämlich medizinisches Wissen und sogar die eigenen Daten des Patienten im „Elfenbeinturm“ der heilberuflichen Fachkräfte. Aber das ändert sich – eben durch die neuen Technologien, die es zwischenzeitlich überall gibt. Egal, ob Fitness-Tracker oder der Gesundheits-Chatbot: Patienten müssen heute nicht mehr zum Arzt oder in die Apotheke gehen, wenn sie Hilfe brauchen. Meist reicht ein Blick auf das eigene Smartphone für eine erste Grundinformation, wie einfach diese auch immer gestrickt sein mag.

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Glück („Chance“) und Wandel („Change“) unterscheidet nur ein Buchstabe!

Auch wenn der eben beschriebene Wandel ohne die neuen Technologien gar nicht vorstellbar wäre, so handelt es sich dennoch um viel mehr als nur einen technologischen Wandel. Er betrifft alle Lebensbereiche, sogar die Grenze zwischen analog und digital, zwischen on- und offline verschwimmt immer mehr. Nur wem es gelingt, sich diesem gesamtgesellschaftlichen Wandel anzupassen, wird den Selektionsdruck, den die digitale Evolution auf alle Unternehmen ausübt, überhaupt überleben können.

Womit auch die Frage beantwortet wäre, wer denn jetzt eigentlich für die Digitalisierung verantwortlich ist: jeder selbst! Keine Organisation, kein Verband und keine Erfa-Gruppe kann es Ihnen abnehmen, sich höchstpersönlich mit dem Thema auseinander zu setzen und selbst eine Abwägung vorzunehmen. Was interessiert Ihre Kunden? Womit können Sie sie begeistern? Wodurch können Sie sich vom Wettbewerb oder vom Versandhandel abheben? Wie positionieren Sie Ihre Apotheke so, dass sie vom digitalen Wandel optimal profitieren kann? Beim Lesen dieser Fragen wird klar, dass es auch hierfür keine einheitliche Antwort gibt, die auf alle Apotheken gleicher Maßen passt – sondern diese Antworten muss jedes Unternehmen und somit auch jede Apotheke im Rahmen einer Gesamtstrategie für sich selbst beantworten.