Kapitel 21: Der Apothekerberuf im digitalen Zeitalter

Wie definiert nun also der Apotheker (und natürlich auch die Apothekerin, aus Gründen der Einfachheit werde ich mich aber bei den weiteren Ausführungen auf ein Geschlecht beschränken) seinen Beruf in einem Zeitalter der technologischen Möglichkeiten, wie es in den letzten Kapiteln beschrieben wurde? Wie kann er sich die Chancen der Digitalisierung zum Vorteil machen und die Risiken minimieren, durch Evolutionsprozesse von etwas anderem, so diffus dieses „etwas andere“ im Moment noch sein mag, abgelöst zu werden?

Wir versetzen uns hierzu einmal kurz gedanklich in die Zukunft. Es ist ein beliebiger, normaler Arbeitstag, sagen wir, im Jahr 2030. Sie sind Apotheker und stehen in Ihrer Offizin, die sich grundsätzlich kaum von Ihrer heutigen Offizin unterscheidet, als ein Patient Ihre Apotheke betritt.

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Herzlich Willkommen im Jahr 2030

Bei dem Patienten handelt es sich um Florian Giermann. Er ist 56 Jahre alt, privat versichert und hat an chronischen Leiden einerseits Asthma, zum andern leidet er an symptomatischer Epilepsie. All dies sehen Sie in dem Moment, in dem er die Schwelle in Ihre Apotheke überschreitet. Sie sind nicht ganz so modern wie Ihre jungen Kollegen aus der Erfa-Gruppe, die sich – ebenso wie ihre 28-jährige PTA – Kontaktlinsen mit retinalem Display gekauft haben, aber Sie sind auch nicht so altmodisch, dass Sie die Informationen über den Patienten noch auf Ihrem Tablet angezeigt bekommen, so wie Ihre angestellte Approbierte, die in 3 Jahren in Rente gehen wird. Nein, Sie sehen all diese Informationen im Display Ihrer Brille, was sehr komfortabel ist, da inzwischen nicht autonom fahrende Autos ohne Head-Up-Display gar keine Zulassung mehr bekommen und Sie somit die Einblendung von Informationen in Ihrem Sichtkorridor schon vom Autofahren gewohnt sind.

 

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Informationen werden in der smarten Datenbrille angezeigt

Der Patient kommt jetzt in Reichweite der in Ihrer Apotheke montierten eHealth-Beacons, die aus Gründen der Ästhetik (und der Geschwindigkeit) natürlich nur wenige Nanometer groß sind. Ihre Sensoren koppeln sich binnen weniger Millisekunden mit den Wearables des Kunden, die sich in dessen Smartwatch und seiner Kleidung befinden, und tauschen miteinander Daten aus. Ihr Apothekenverwaltungssystem, das schon seit 8 Jahren in der Cloud liegt und seitdem ohne Abstürze hochperformant läuft und immer auf dem aktuellen Stand ist, gleicht die hinterlegten Daten mit der zentralen bundeseinheitlichen Patientenakte ab, auf die sich KBV und ABDA nach zähen Verhandlungen mit dem Bundesgesundheitsministerium im Jahr 2022 letztlich geeinigt haben – einem Zeitpunkt, zu welchem die großen IT-Unternehmen durch eine intersektoral vernetzte Plattform bereits Tatsachen geschaffen hatten, die letztlich nur noch in Gesetzesform gefasst wurden.

 

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Alles im Blick danke eHealth-Patientenakte

Sie sehen als nächstes auf Ihrem Display, dass der vor Ihnen stehende Patient zwar regelmäßig seine Asthma-Medikation zu nehmen scheint; zumindest gibt es keine Lücken in der Einnahmedokumentation seines smarten Turbohalers. Allerdings weist sein Schweiß, den die Sensoren in seiner Kleidung auswerten, eine zu geringe Dosierung von Levetiracetam auf – ein Indiz dafür, dass der Patient hier eigenmächtig die Epilepsie-Therapie abgebrochen haben könnte. Ein Blick in das Ärztedossier seiner Patientenakte zeigt jedoch, dass ein aktuelles eRezept für dieses Medikament vom Neurologen das Patienten, ausgestellt gestern, zum Download bereit liegt.

 

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Das eRezept – natürlich auch nur ein Code

Weil Ihr System komplett intuitiv zu begreifen und auch zu bedienen ist, bekommen Sie all diese Informationen, während der Kunde die 10 Schritte zu Ihnen zurücklegt. Bevor Sie ihn mit einem herzlichen „Guten Morgen, Herr Giermann“ begrüßen, schicken Sie noch eine Suchabfrage in die Gesundheitsdatenbank der WHO ab, um zu erfahren, wie hoch das Risiko des Patienten ist, der seit 14 Jahren keinen Krampfanfall mehr hatte (steht zumindest im Arztbericht, dessen Essentials Ihnen als Piktogramme im Display angezeigt wurden), nach der Therapieunterbrechung nun doch wieder einen Anfall zu erleiden. Während der Patient freundlich auf Ihre Begrüßung antwortet, sehen Sie in schon die Zahl „Wahrscheinlichkeit: 13%“ in Ihrem Display in grüner Farbe aufleuchten, darunter in kleinerer Schrift, aber gerade noch entzifferbar, steht: „basierend auf Daten von 10.000.000 Patienten mit vergleichbarer Anamnese, errechnet in Echtzeit“.

 

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Intuitive Symbole und Icons erleichtern die Beratung

Bevor Sie das Beratungsgespräch mit dem Kunden starten, erinnern Sie sich an die Zeit, als die Frage „wie geht’s?“ in Apotheken noch üblich war. Heute erübrigt sich diese Frage, da man den Gesundheitszustand des Kunden ja angezeigt bekommt und die Möglichkeiten zur Interpretation dieser Daten kaum noch vorhanden sind. Stattdessen fragen Sie den Patienten, wie er denn Ihre letzte Live-Übertragung des Fitness-Zirkels, den Sie gemeinsam mit dem Physiotherapeuten aus dem Nachbarhaus in die sozialen Netzwerke streamen, gefunden hat. Natürlich hat Ihr Display Ihnen angezeigt, dass der Patient sich für derartige Gesundheitsthemen interessiert und auch die erwähnte Live-Übertragung auf Twitter positiv kommentiert hat. Ihr Kunde freut sich, dass Sie seine Beteiligung und Kommentare wahrgenommen haben und an seiner Körpersprache merken Sie, ganz analog, dass er sich in Ihrer Apotheke sehr wohl fühlt.

Das weitere Gespräch mit dem Kunden ergibt, dass dieser seinen Urlaub nicht im Kalender von seinem Smartphone hinterlegt hatte, weil er seit Kurzem selbstständig ist und somit das Smartphone die Urlaubszeiten nicht mehr automatisch vom System der Personalabteilung seines Arbeitgebers übertragen bekommt. Dadurch konnte seine eHealth-App, die er auf seinem Smartphone vor über 10 Jahren – auf Ihre Empfehlung hin – installiert hat und seitdem für Einnahmeerinnerungen, Wechselwirkungschecks und das Nachbestellen von Rezepten für seine chronischen Leiden nutzt, nicht kalkulieren, dass er das Folgerezept schon vor dem Urlaub beim Neurologen hätte anfordern müssen. Deswegen hat er die Therapie kurz unterbrechen müssen. Sie können ihn aber beruhigen, dass sein Risiko noch im grünen Bereich liegt und ein Anfall eher unwahrscheinlich ist.

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In Zukunft werden alle gesundheitsrelevanten Informationen miteinander vernetzt sein

Also beraten Sie den Patienten zunächst mal, was er tun kann, um solche – menschlichen – Fehler künftig möglichst zu vermeiden. Sie fragen ihn, welches Portal er zur Buchung seiner Urlaubsreisen benutzt und zeigen ihm, wie er dies mit seinem Kalender, der wiederum mit der eHealth-App vernetzt ist, koppeln kann. Wenn er nun also Ferien über dieses Reiseportal bucht, kennt seine Gesundheits-App seine Abwesenheiten und kann zurückrechnen, ob und auf wann Rezepte für Dauermedikationen vorverlegt werden müssen. Dass das einmal ein Teil Ihres Jobs sein würde, hätten Sie sich vor 15 Jahren noch nicht einmal ausmalen können. Aber Sie kennen ja die Ärzte: wenn man solche Aufgaben denen überlässt …

Und noch etwas hat sich geändert: Sie haben das Arzneimittel für den Patienten nicht an Lager. Bei hochpreisigen Arzneimitteln für chronische Patienten macht das betriebswirtschaftlich schon lange keinen Sinn mehr. Zum einen ist kalkulierbar, wann der Patient das Medikament wieder benötigt, so dass das kurzfristige vorherige Bestellen vollkommen ausreichend wäre und man dadurch liquiditätsschonende Lagerhaltung betreiben könnte. Was ein einzelner Apotheker aber nicht schafft, sind Skaleneffekte durch das Bündeln großer Bestellmengen bei Lieferanten. Daher haben Sie sich, wie die meisten Ihrer heute wieder hochprofitabel arbeitenden Kollegen, zu einer Kooperation mit einer der großen deutschen Versandapotheken entschieden. Diese liefert in Ihrem Auftrag die eben beschriebenen Medikamente direkt an den Patienten. Sie erhalten dafür (und für alle Bestellungen, die der von Ihnen vermittelte Patient evtl. direkt dort tätigt) eine Provision, die Ihrem ansonsten üblichen Gewinn vor Steuern für diese Arznei entspricht. Und die Versandapotheke macht Ihren Gewinn durch die Bündelung von Bestellmengen und die durch diesen Skaleneffekt erzielten besseren Rabatte beim Lieferanten – etwas, wozu eine einzelne Apotheke niemals im Stande wäre.

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So könnte es aussehen: das zentrale Warenlager der deutschen Apothekerschaft

Mit einer Augengeste in Ihrem Display übertragen Sie nun also das eRezept an die Versandapotheke und bekommen sofort den Zeitpunkt, wann das Arzneimittel per Drohne beim Kunden abgesetzt wird, angezeigt. „Um 14:00 Uhr heute Nachmittag haben Sie Ihr Keppra wieder, Herr Giermann“ sagen Sie dem Kunden, als dessen Smartwatch vibriert und er auf sein Armgelenk schaut.

„Ach, die Wellness-Badeöle Ihrer Kosmetik-Eigenmarke sind diese Woche bei Ihnen im Sonderangebot?“ wendet er sich Ihnen wieder zu. Im Hintergrund hat Ihr System kalkuliert, dass bei diesem Patienten für diese Produktkategorie eine erhöhte Kaufbereitschaft sehr wahrscheinlich ist und ihm diese Nachricht just in dem Moment übermittelt, als er am empfänglichsten dafür war. Die Kalkulation basierte auf den Suchanfragen, die von auf diesen Patienten registrierten Geräten ausgegangen waren. Tatsächlich basierte sie auf der Suche nach dem vorhin erwähnten Urlaub – einem Wellnessurlaub. Diesen hatte in Wirklichkeit seine Frau geplant und gebucht. Aber der Patient möchte ihr eine Freude machen und bittet Sie daher, ihm 2 Großpackungen Badeöle zu verkaufen. Da bei Ihrer Eigenmarke die Marge angenehm hoch ist, tun Sie das gerne und lassen die beiden Packungen von Ihrem Kommissionierautomaten in eine Tüte packen und Auslagern.

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Weiterhin unverzichtbar: Automaten; Bild (c) BD Rowa GmbH

„Darf es noch etwas sein?“ fragen Sie den Kunden. Dieser verneint. Also lassen Sie Ihr System die einzelnen Positionen addieren. Dieses teilt Ihnen sofort mit, dass der Kunde rabattfähige „Adhärenz-Punkte“ auf dem Konto seiner PKV hat. Die Adhärenz-Punkte wurden Anfang des Jahres 2021 eingeführt, um einerseits tatsächlich die Compliance und Adhärenz der Patienten zu stärken und zu fördern. Zum anderen wurde damals festgestellt, dass der Ansatz der sog. „Gamification“ tatsächlich der größte Hebel ist, um Kunden zur Freigabe Ihrer Gesundheitsdaten zu bewegen. Unter „Gamification“ versteht man die Verwendung von spieltypischen Elementen in einem spielfremden Kontext. Im Fall der Adhärenz-Punkte ist es so, dass für die regelmäßige Einnahme von Medikamenten für chronische Krankheiten Punkte vergeben werden. Patienten können innerhalb Ihres Vergleichspanels sehen können, auf welchem Rang in der „Adhärenz-Hitliste“ sie stehen. Die anderen Namen sind natürlich anonymisiert. Der Schub, den dieses System auf die Einhaltung der Dauermedikation hatte, wurde im Vorfeld verspottet – jetzt lacht keiner mehr. Der Anreiz, in der Liste der Patienten mit der höchsten Therapietreue möglichst weit oben zu stehen, war so groß, dass die vermeidbaren Kosten, die den Krankenkassen jedes Jahr aufgrund nicht mit dem Arzt abgestimmter Therapieabbrüchen entstanden waren, innerhalb kürzester Zeit drastisch reduziert werden konnten und sowohl die gesetzlichen als auch die privaten Krankenkassen daher bereits 2024 das Rückvergütungssystem durch Rabatte auf verschreibungspflichtige Arzneimittel eingeführt haben. Unter dem Strich aber ist das immer noch eine lohnende Angelegenheit für die Krankenkassen.

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Gamification sorgt für einen unerwarteten Schub bei der Einhaltung von Regeln

Ihr Patient also ist in den Top-10 der Adhärenz-Liste für Epileptiker in der Region und dafür bekommt er den eben erwähnten Rabatt von seiner privaten Krankenkasse. Sie bekommen ihn von der PKV direkt zurück überwiesen, wenn der Patient ihn bei Ihnen in Anspruch nehmen möchte. Sie fragen ihn daher: „Möchten Sie Ihre Adhärenz-Punkte einlösen? Dadurch wird es nochmal um € 10,81 günstiger für Sie.“ Ihr Kunde bejaht und mit einer Augengeste auf die „Total“-Taste in Ihrem Display generieren Sie den Zahlbetrag und nennen diesen Ihrem Kunden.

Und wieder halten Sie inne, denken an die Zeit zurück, in der jetzt die Frage „wie möchten Sie denn gerne zahlen?“ gekommen wäre. Bargeld gibt es heute fast nur noch im Museum. Sie übermitteln dem Kunden den zu zahlenden Betrag an seine Smartwatch, mit einem Fingerabdruck auf dem Sensor seines Wearables gibt er den Betrag zur Zahlung frei.

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Bezahlen: früher mit dem guten Namen, in Zukunft mit dem Fingerabdruck

„Auf Wiedersehen,“ verabschieden Sie sich von dem Kunden. Eine Stunde später sehen Sie, dass das Badeöl von einem anonymen Kunden in Ihrem Webshop eine ausgezeichnete Bewertung bekommen hat und im Ranking Ihrer Online-Topseller um einen Platz nach oben gestiegen ist. Von dem hierdurch zu erwartenden zusätzlichen Gewinn können Sie sich ein seit langem geplantes Online-Seminar zur Fortbildung leisten, informiert Sie Ihr System …

Für viele von uns klingt das heute noch ziemlich gruselig, oder? Aber um uns geht es nicht. Es geht um alle Menschen, denen diese Technologie helfen kann.

Das sind zum einen die vielen Menschen, denen unnötiges Leiden erspart werden kann. Zum Beispiel, wenn in den Tagen vor dem Infarkt der Blutdruck automatisch gemessen wird. Wenn man das Blut auf den CRP-Wert untersucht, bevor die Entzündung richtig manifest wird. Wie viele Krankenhauseinweisungen wären vermeidbar, wenn einem ein System sagt, dass der Kunde eigenmächtig die Therapie abgebrochen hat, zum Beispiel weil der Wirkstoff im ausgesonderten Schweiß nicht mehr nachvollziehbar ist?

Das sind zum anderen aber auch die Leistungserbringer, vor allem Ärzte und Apotheker, die mit vielen bürokratischen Aufgaben und Dokumentationspflichten Zeit aufwenden, die nicht direkt dem Patienten zukommt. Wie viele Patienten könnte ein Arzt tatsächlich behandeln, wenn alles was automatisierbar ist, auch automatisiert würde? Man kann davon ausgehen, dass ein Arzt im Durchschnitt allein 7,5 Stunden pro Woche für administrative Aufgaben verwenden. Klar ist aber auch, dass mehr Patienten beim Arzt zwangsweise mehr Patienten in der Apotheke bedeuten. Es gibt Technologien, die dabei helfen können, die Ineffizienz im Gesundheitssystem auf ein Mindestmaß zu reduzieren.

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Es liegt jetzt an Ihnen -und letztlich an uns allen, sie richtig einzusetzen!